Wer zum Teufel – man beachte die durchaus absichtliche Wortwahl – ist denn auf die Idee gekommen als Tagungsort für die 106te jährliche Konferenz der American Sociological Association Las Vegas zu wählen? Dies ist natürlich eine rhetorische Frage, denn es war – wer sonst – das Board der amerikanischen soziologischen Gesellschaft ASA. Außerdem ist allgemein bekannt, dass der Kongress ursprünglich in Chicago stattfinden sollte, aber viele Veranstalter wegen einer Konfliktsituation mit dem dortigen Logistik-Personal im Konferenzsektor sich nicht der Unsicherheit eines möglichen Streiks aussetzen wollten und vorsichtshalber einen anderen Tagungsort gewählt haben, so handelte auch die ASA. Auf diese Weise kam es also zu Las Vegas als Tagungsort und ich wurde mit dem Vergnügen (?) überrascht, unerwarteterweise erstmals in meinem Leben in die glitzernde Wüstenstadt zu reisen.
Der erste Eindruck von Las Vegas war noch innerhalb der Leitplanken des Erwarteten: abendlicher Landeanflug auf ein gleißendes Lichtermeer inmitten einer vollständig dunklen Umgebung, ein großes Flughafengebäude und mit dem Taxi vorbei an Lichterreklamen im Times Square-Stil in das Zentrum und zum Las Vegas Boulevard, den man hier „Strip“ nennt und der das Epizentrum der Vergnügungsstadt darstellt. Schon die ersten Schritte ins Tagungshotel – es ist das Caesar’s Palace – machen aber klar, dass hier etwas fundamental anders als in den restlichen USA ist: Rauchende Leute kommen einem im Hotelfoyer entgegen, man sieht hunderte Spielmaschinen, die blinkend und lärmend bereits im Eingangsbereich stehen. Wo sind die Soziologen? Vielleicht noch nicht angekommen oder haben sie sich schon eingefügt in dieses überwältigende Szenario, das einen glauben macht, man bewege sich in einem sehr bunten atemberaubenden Traum?
Nun zum Inhaltlich-Soziologischem: Das diesjährige Kongressthema lautet „Social Conflict: Multiple dimensions and arenas“. Nachdem führende soziologische Theoretiker über Jahre schon glaubten, in die post conflict society eingemündet zu sein, wendet man sich nun wieder dem klassischen soziologischen Thema Konflikt, besser gesagt im Plural sozialen Konflikten zu. Diese werden in vielen parallelen Streams und in einer Vielfalt von Dimensionen und Verästelungen thematisiert. Fast könnte man glauben, man sähe den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr – und dieser Eindruck ist auch so falsch nicht, denn es gibt nur wenige Großveranstaltungen und Leitdiskussionen, die den Kongress zusammenhalten. Vieles scheint vor lauter Dimensionen und Arenen zu zerfleddern. In vielen Sessions beschwört man die glorreiche Vergangenheit, als die Soziologie noch an vorderster Front in die Rebellion der 60er und 70er Jahre involviert war. Das ist heute anders und kaum ein Ort ist so geeignet dies zu demonstrieren wie Las Vegas. Im riesigen Caesar’s Palace Hotel verlieren sich die ca. 5.000 Soziologinnen und Soziologen zu einer nicht weiter auffälligen Minderheit. In diesem gigantomanischen Hotel, in dem eine Shopping Mall der Größe der Berliner Potsdamer Platz Arkaden quasi als Add-on zum Spiel- und Hotelbetrieb enthalten ist, und in dem sicherlich mehr einarmige Banditen herumstehen als Soziologinnen und Soziologen herumlaufen, in einem solchen Ambiente verliert sich die Gesellschaftskritik. Auch der eigentliche Konferenzbereich ist so riesig, dass die Flure – sonst bei Konferenzen immer eng und voller Menschen – ziemlich leer erscheinen.
Insgesamt scheint aber doch auch die Krise allgegenwärtig: offenkundig weniger Teilnehmer als früher, viele bleiben nur kurz, um das eigenen Paper zu präsentieren oder die Session zu „chairen“, die Ausstellung der Verlage ist maximal noch ein Drittel so groß wie vor fünf Jahren.
Das Kongressprogramm – immer noch dick wie ein Telefonbuch – offenbart einige Entwicklungen, auch thematische Entwicklungen, die sich einem nicht erschließen, wenn man nur seinen eigenen Interessen und dem eigenen Forschungsfeld folgt. Hier zeigt sich beispielsweise im Index, dass mittlerweile die qualitativ orientierte Forschung die quantitative gemessen an der Zahl der Einträge klar überholt hat. Das Stichwortregister, das einen zu den einzelnen Sessions führt, ist hier jedenfalls eindeutig, qualitative Methoden haben sich offenbar zum vorherrschenden Paradigma entwickelt. Die Gruppe der Statistik-Spezialisten, früher von beachtlicher Zahl und beträchtlichem Einfluss, hat sich auf ein kleines Häuflein reduziert, das bald Minderheitenschutz beantragen muss, wenn die Entwicklung so anhält. Was die Methodenwahl angeht, so findet man auch vieles, was Aspekte von Partizipation, Responsivität und Transformation beinhaltet. Natürlich ist der ASA- Kongress viel zu groß und viel zu unübersichtlich, um hieraus generalisierte Schlüsse zu ziehen, aber vieles deutet darauf hin, dass sich in dieser Hinwendung zu sozialen Konflikten, wie sie schon im Kongressthema zum Ausdruck kommt, und zu Forschungsansätzen, die man früher als Aktionsforschung bezeichnete, eine Sehnsucht nach den guten alten Zeiten ausdrückt. Ja, schön war es, als die Soziologie in den 1960er und 1970er Jahren gesellschaftlich noch eine große Rolle spielte und ihre Vertreterinnen und Vertreter eine führende Rolle im öffentlichen Diskurs spielten und bei jeder Talkshow, von denen es damals nur wenige gab, gefragt waren. Kaum ein Ort wäre allerdings besser geeignet, die heutige Bedeutung besser zu symbolisieren als Las Vegas: Unbemerkt von einer sich vergnügenden, mit Geld spielenden und an jeder Ecke mit Prostitution konfrontierten („Your babe comes in 20 minutes into your room“) Gesellschaft, verlieren sich die Soziologinnen und Soziologen im Gewirr der Game-Zones, Poker-Zones und Shopping-Malls und erreichen nach einem langen Marsch durch diese Wirklichkeiten und der Benutzung zahlreicher Rolltreppen die Conference-Zone. Dort ist man – endlich – unter sich.